Annelie hält die diesjährige Rede zum Volkstrauertag

Annelie hält die diesjährige Rede zum Volkstrauertag

In einem mehrwöchigen Prozess haben die vier Schülerinnen und Schüler Ronja Jonas, Emma Knörle, Annelie von Rauchhaupt und Tobias Schauer aus der 11b unseres Gymnasiums die Rede zum Volkstrauertag 2025 verfasst. Betreut wurden sie durch ihren Deutschlehrer, Herrn Arona, der sein Referendariat in Deutsch und Geschichte am Gymnasium absolviert.

Die Rede wird im Rahmen der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag der Stadt Markdorf am Sonntag, den 16.11.2025, um 11:15 Uhr auf dem Friedhof durch Annelie von Rauchhaupt gehalten. Der Südkurier hat vorab bereits davon berichtet https://www.suedkurier.de/bodenseekreis/bodenseekreis/17-jaehrige-haelt-rede-zum-volkstrauertag-112775006

von links: Ronja Jonas, Emma Knörle, Annelie von Rauchhaupt und Tobias Schauer

Das ist die Rede zum Volkstrauertag 2025:

Feldbrief aus dem Zweiten Weltkrieg. Eingegangen am 17. Februar 1945

Liebe Eltern,

heute sind wir nun für zwei Tage in Ruhe gleich hinter die Front gekommen. […]

Bis März müssen wir noch aushalten. […]

Wie geht es Euch daheim? […]

Wenn ich nicht so oft schreibe, so seid bitte nicht böse. Ich habe kein Briefpapier. Dieses habe ich mir zusammen geplündert. Nachher werde ich mich mal wieder waschen und meine Lumpen in Ordnung bringen, soweit das geht. Meine Füße haben das Doppelte fast erreicht und könnten im Panoptikum gezeigt werden. Aber deshalb den Mut nicht sinken lassen.

Nun lasst es Euch gut gehen. Habt nochmals recht vielen, vielen Dank für alles an mich Gesendete, hoffentlich sehen wir uns bald wieder…

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

was wir hier gehört haben, sind Auszüge aus einem Feldbrief meines Großonkels. Zwei Tage bevor dieser Brief angekommen ist, ist er in meinem Alter – mit 17 Jahren – gefallen. Seine Leiche konnte nie geborgen werden und sein Grab ist leer. Dennoch gilt auch für ihn wie für die anderen Unzähligen, die keine letzte Ruhestätte finden konnten, das Zitat Heinrich Heines: „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“. Jeder Gestorbene oder Gefallene hatte sein eigenes Leben, seine eigenen Gedanken und Gefühle, seine eigenen Erinnerungen. Kurz: eine eigene Geschichte, die mit ihm gestorben ist.

Am Volkstrauertag gedenken wir jenen, die im Krieg gefallen sind oder denen die Opfer von Rassismus, Antisemitismus oder politischer Verfolgung wurden. Wir ehren ihre Geschichten und versuchen, aus ihnen zu lernen. Der wichtigste Grund jedoch ist, aus der Vergangenheit zu lernen und Lehren für die Zukunft zu ziehen. Diese haben uns gezeigt, dass Krieg am Ende keine Gewinner kennt, und trotzdem finden wir uns erneut in Zeiten von gewaltsamen Auseinandersetzungen wieder.

Ob in der Ukraine, in Gaza oder in der Demokratischen Republik Kongo tagtäglich werden wir in den Nachrichten mit Gewalt, Ungerechtigkeit und Menschenverachtung konfrontiert.

Damit erleben wir eine ganz reale Bedrohung unserer Sicherheit. Dieses Thema beschäftigt das ganze Land und spaltet Meinungen, wie man an unzähligen Demonstrationen sehen kann. Auch die Politik debattiert lebhaft über höhere Militärausgaben und das Thema, das unsere Generation am meisten betrifft: die Wehrpflicht.

Es ist ein polarisierendes Thema. Laut NDR-Umfrage sind 66 % der Bevölkerung für eine Wiedereinführung, wobei nur 29 % der 18-29-Jährigen, also von denen, die es betrifft, dafür sind. Diejenigen unter 18 werden nicht einmal gefragt.

Der Unwille, Wehrpflicht in kriegszerrütteten Zeiten zu leisten, ist verständlich.

Doch wie bei vielen anderen Themen wird die Stimme der jüngeren Menschen nicht gehört. Stattdessen diskutiert die Regierung über eine Wehrpflicht nach Los. Das ist alles andere als gerecht.

80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind Krieg, Antisemitismus und Rassismus wieder oder immer noch ein Teil unserer Gesellschaft. Obwohl wir jedes Jahr aufs Neue an diesem Tag versichern, dass Gewalt nie ein Mittel zur Lösung von Konflikten sein darf, spiegeln unsere Taten und Worten das Gegenteil wider. Sollte es nicht selbstverständlich sein, nicht zur Waffe greifen zu wollen? Warum müssen wir uns blutiger Beispiele bedienen, um vor Gewalt abzuschrecken? Haben wir aus den Schrecken des 20. Jahrhunderts nichts gelernt?

Durch die territorialen Ansprüche Putins und anderer werden wir gezwungen kriegstüchtig und gewaltbereit zu sein, um nicht selbst zu einem Opfer der Gewalt zu werden. Dieser notwendige Schritt führt aber auch zu einer Spaltung der Gesellschaft. Die einen sind für eine Aufstockung der Bundeswehr, die anderen dagegen. Manche sind für Waffenlieferungen an die Ukraine, manche nicht. Wer ist schuld am Nahostkonflikt? Israel oder Palästina?

In diesen Diskussionen zeigt sich, dass Kriege nicht nur zwei Länder spalten können, sondern auch eine Gesellschaft teilen kann, die nicht direkt beteiligt ist. Ein politischer Diskurs ist in einer Demokratie genauso zu begrüßen wie Demonstrationen. Nur leider sind wir auch hier nicht in der Lage, friedlich und auf Sachebene zu diskutieren. Die Zahl politisch motivierter Straftaten ist letztes Jahr stark gestiegen. Das ist ein besorgniserregender Trend.

Die Welt scheint in den letzten Jahren härter geworden zu sein. Das liegt nicht zuletzt auch an Populisten wie Donald Trump, der Strafzölle gegen die ganze Welt verhängt. Seine Politik ist geprägt von Schwankungen. An einem Tag will sie jenes, am anderen dieses. Dadurch fehlt eine gewisse Stabilität in der globalen Politik und Wirtschaft.

Die Intention, wieder Atomwaffentests durchzuführen, stellt eine weitere Bedrohung für den Frieden dar. Die unsichere Lage könnte sich weiter verschärfen, was zu mehr Abschottung, mehr Gewalt und somit zu mehr Intoleranz führen würde.

Mit Besorgnis ist auch die Entwicklung der Frauenrechte in den USA zu sehen. Der Plan, Abtreibungen zu verbieten, ist ein enormer Einschnitt in das Selbstbestimmungsrecht.

Da wir jeden Tag mit solchen Nachrichten bombardiert werden, stumpfen wir ab. Wir sind eher geneigt, Aussagen als normal zu betrachten, die wir noch vor wenigen Jahren für skandalös und gewaltbereit gehalten hätten.

Das bemerkt man auch in den Reden von Politikern, die immer mehr von Intoleranz geprägt sind. Dabei zeigt uns der heutige Tag, was passiert, wenn man der Intoleranz und Gewalt zu viel Freiraum lässt. Dieser Tag erinnert uns daran tolerant gegenüber Unbekannten, Neuen und – aus unserer Sicht – Andersartigen zu sein. Und damit wir das können, dürfen wir Intoleranz nicht akzeptieren.

In einer utopischen Welt müsste es keinen Volkstrauertag geben. Es gäbe keine Kriege und keine Verfolgung. Aber nur, weil das in unserer jetzigen Lebensrealität abwegig wirkt, bedeutet das nicht, dass wir nichts ändern können. Wenn wir offen und respektvoll im Umgang mit anderen sind, können wir unserer Gesellschaft gemeinsam voranbringen.

Denn all die Menschen, denen wir heute gedenken, sind für unsere friedliche Zukunft gestorben. Die größte Ehre, die wir ihnen erweisen können, ist, diese in Frieden und Harmonie zu erleben.

Vielen Dank!

Herzlichen Dank euch Schülern der 11b und Herrn Arona (Klassenlehrer 11b)

 

 

1 Comment

  1. Kaktusleserin

    Die Erinnerung an einen siebzehnjährigen jungen Mann, der als Soldat einsam stirbt, hat mich sehr bewegt. Eure Rede drückt viele Gedanken aus, die wir im Moment mit uns herumtragen, die uns Sorge bereiten und Angst machen.
    Vielen Dank für eure mutigen Worte!

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