In 30 Sekunden lässt sich eine Kamera hacken, der Millionen Amerikaner täglich begegnen. Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist eigentlich das Symptom einer viel größeren Krise: Privatfirmen bauen im Auftrag der Polizei Überwachungsnetze auf, die kaum jemand kontrolliert und die erschreckend leicht zu missbrauchen sind. Es gibt Hunderttausende unscheinbare Flock-Safety-Kameras am Straßenrand in ganz Amerika. Wer ihnen begegnet, denkt vielleicht an Verkehrsforschung oder Blitzer. Doch hinter dem schlichten Gehäuse steckt etwas Größeres: ein Stück eines nationalen Netzwerks, das jeden Tag Millionen Fahrzeuge erfasst, Bewegungsprofile anlegt und Daten in eine zentrale Cloud speist. Betrieben von einem privaten Unternehmen, das sich kaum um Sicherheitsprobleme schert und so gut wie nicht reguliert wird. Es war der YouTuber Benn Jordan, der im Herbst 2025 mit einer Enthüllung aufhorchen ließ. In einem Video mit dem Titel „We Hacked Flock Safety Cameras in under 30 Seconds“ zeigte er gemeinsam mit dem Sicherheitsforscher Jon Gaines, wie durchlässig das technische Fundament des Systems ist. Die Methode war erschreckend simpel: Eine bestimmte Tastensequenz auf der Rückseite der Kamera reicht aus, um einen versteckten Debug-Modus zu aktivieren, ohne jede Authentifizierung. Was Gaines dort vorfand, war ernüchternd. Die Kameras laufen auf einem Betriebssystem, das Google bereits 2021 eingestellt hat und für das es seitdem keine Sicherheitsupdates mehr gibt. Videodaten sind zur Laufzeit unverschlüsselt gespeichert, und obwohl Flock öffentlich behauptet, Aufnahmen würden nach sieben Tagen gelöscht, fanden sich auf den Geräten Bilder, die diese Frist weit überschritten hatten. Außerdem erfassen die Kameras nicht nur Nummernschilder, sondern auch Fußgänger, Fahrradfahrer und Menschen in privaten Gärten.
Das 2017 gegründete Unternehmen Flock Safety ist mit über 80.000 Kameras und 5.000 Polizeibehörden als Partner der Marktführer für automatisierte Kennzeichenerfassung. Das System wird als Abo an Kommunen vermietet, die Daten landen in einer zentralen Cloud und können von Behörden mit einer einzigen Suchanfrage durchforstet werden, ohne richterlichen Beschluss, ohne Kontrolle. CEO Garrett Langley will Kriminalität bis 2035 durch lückenlose Überwachung eliminieren. Neben den Hardware-Schwachstellen entdeckte Sicherheitsforscher Joshua Michael durch eine simple Google-Suche eine öffentlich zugängliche Flock-Demowebsite mit einem aktiven API-Schlüssel. Dieser gewährte Zugang zu Echtzeit-Standortdaten von Polizeifahrzeugen und zu rund 6.000 Datensätzen über verdächtige Kennzeichen mitsamt Bewegungsprofilen. Jordan beschrieb, wie er über live geschaltete Kameras das alltägliche Leben fremder Menschen beobachten konnte, nicht durch einen spektakulären Hackerangriff, sondern weil die Zugangsdaten schlicht im Netz lagen. Er und das Magazin 404 Media nannten ihr Folgeprojekt treffend: „The Flock Camera Leak is Like Netflix for Stalkers“.
Die Reaktion des Unternehmens war bezeichnend. Flock Safety sprach von einer „begrenzten Fehlkonfiguration“, die inzwischen behoben sei. Dabei verschwieg das Unternehmen, dass die Sicherheitsbefunde bereits Monate vor der Veröffentlichung vorlagen und Flock in dieser Zeit weder Kunden noch Behörden informierte, obwohl das laut geltenden CJIS-Sicherheitsrichtlinien vorgeschrieben gewesen wäre. Jon Gaines verlor 48 Stunden nach dem Video seinen Job. Benn Jordan berichtete, er sei von der Polizei aufgesucht worden und habe mutmaßliche Privatdetektive vor seinem Haus bemerkt. „Ich sehe das nicht als Konsequenz für das Aufdecken von Sicherheitslücken“, schrieb er. „Ich sehe es als Konsequenz dafür, es ethisch und transparent getan zu haben.“
Flock Safety ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer ganzen Branche. Und hier lohnt es sich, mal einen Schritt zurückzutreten und die eigentliche Frage zu stellen: Warum wird überhaupt so viel Geld in Systeme gesteckt, die Kriminalität überwachen sollen, statt in die Menschen, die kriminell werden? Armut, fehlende Bildung, mangelnde Perspektiven, das sind die Ursachen. Eine Kamera löst keine davon. Was sie tut: Sie schafft ein neues Geschäftsmodell für Silicon-Valley-Startups, die ein gesellschaftliches Problem nicht beheben, sondern davon profitieren wollen. 7,5 Milliarden Dollar Bewertung für eine Firma, deren Kernprodukt eine graue Box am Straßenrand ist, die Daten über unschuldige Bürger sammelt, schlecht gesichert, kaum reguliert und anfällig für genau die Kriminellen, vor denen sie schützen soll. Das ist nicht Innovation. Das ist Symptombehandlung mit Risikoaufschlag, und dennoch kaufen Kommunen und Behörden Jahr für Jahr das überteuerte und überholte Produkte von Flock Safety.
Was ein Tastendruck auf der Rückseite dieser grauen Kamera sichtbar macht, ist mehr als eine technische Schwäche. Es ist ein Problem einer Gesellschaft, die lieber kontrolliert als investiert, und die Konsequenzen dafür trägt sie schon längst.
Marlon

Ein sehr interessanter Artikel über ein Thema, das einen als Leser nachdenklich macht.
sehr schön ja
Ein sehr interessanter Artikel über unsere Sicherheit
Der Artikel behandelt ein faszinierendes Thema, das den Leser dazu anregt, es aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und es im Kontext seines weiteren Verlaufs zu reflektieren.