Kann Kunst weg?

Kann Kunst weg?

Echtes braucht keine Rechtfertigung

Ein Kommentar von Peer-Henrik

Ein Pinselstrich braucht oft Jahre. Nicht, weil es so anspruchsvoll ist, einen einzelnen Strich auf die Leinwand zu bekommen, sondern weil ein Mensch mit komplexem Gedächtnis, das aus Erfahrungen, Selbstzweifel und Vorlieben besteht, einfach anders ist als eine emotionslose KI. Der Mensch drückt Gefühle und Gedanken in Werken aus. Das ist der Kern von Kunst, und das ist heute wichtiger denn je. Künstliche Intelligenz ist schneller, zuverlässiger und für Konsumierende billiger, jedoch fehlt ihr dieser „Ausdruck“, der meiner Meinung nach für richtige Kunst absolut relevant ist.

Doch KI ist nur ein Grund von vielen, warum echte Kunst heute mehr zählt als je zuvor, denn ein Gemälde war schon immer mehr als Farbe auf Leinwand. Wir leben in einer Zeit, in der Nachrichten, Werbung, eigentlich alles um das Gleiche kämpft: unsere Aufmerksamkeit. Kunst dagegen bewirkt das Gegenteil. Sie verlangt, dass wir sie bewundern. Sie ermutigt uns, Schönheit zu entdecken, aber auch Unbehagen oder Fremdheit auszuhalten, ohne dass wir weiterscrollen können. Genau deshalb ist Kunst so wichtig. Wer sich auf ein Werk einlässt, sieht die Welt für einen Moment mit anderen Augen.

Und dann ist da noch der wirtschaftliche Aspekt, den viele unterschätzen: Kreativität treibt Innovation an. Filmproduktion, Architektur, Branchen, die Milliarden erwirtschaften. Wer heute die Förderung von Kunst als unnötig sieht, merkt nicht, dass Kreativität mehr ist als nur „Verzierung“: Sie ist das Fundament der Wirtschaft.

Kunst braucht also keine Rechtfertigung gegenüber der KI. Sie braucht eine Gesellschaft, die versteht, was auf dem Spiel steht, wenn wir aufhören, Kunst zu erleben, zu fördern und ernst zu nehmen. Ein Pinselstrich braucht Jahre, aber er lebt Jahrhunderte.

Warum wir die Kunst heute noch brauchen:  Ein Gespräch mit Künstlerin Eva Müller über den Wert von Kunst in unserer Zeit

Wir leben im Zeitalter von KI-generierten Bildern und ständiger digitaler Reizüberflutung. Jeden Tag entstehen Millionen neuer Bilder, viele davon innerhalb weniger Sekunden von einer Maschine erzeugt. Mitten in dieser Flut behauptet sich etwas, das eigentlich aus der Zeit gefallen scheint: das von Hand gemalte Bild. Im Gespräch erklärt die aus Markdorf stammende Künstlerin Eva Müller, warum das so ist, was Kunst kann und was andere Medien nicht können.

Das Unikat zwischen den Kopien

Für Eva beantwortet sich die Frage nach dem Wert klassischer Malerei fast von selbst: „Gerade, weil die virtuelle Perfektion allgegenwärtig ist, ist das handgemachte Unikat etwas Besonderes“, sagt sie. Während ein KI-Bild beliebig oft in „perfekter“ Form erzeugt werden kann, bleibt ein gemaltes Original ein einzigartiges, nicht wiederholbares Werk.

Diese Echtheit verlangt aber auch etwas vom Betrachter. „Ein originales Bild zu betrachten bedeutet, sich darauf einzulassen und auch durchaus herausgefordert zu werden“, erklärt die Künstlerin. Wer sich darauf einlässt, wird mit der Zeit belohnt: „Ein menschengemachtes Bild von künstlerischem Wert ist im Idealfall eine Seh-Schule, welche durch längere Auseinandersetzung gewinnt und dich jenseits deiner Vorstellungskraft führen kann.“ Den entscheidenden Unterschied zur KI sieht sie im schöpferischen Akt selbst. „KI kann sich nur aus dem schon Bekannten bedienen. Der kreative, schöpferische Akt bleibt außen vor. KI versucht lediglich, Erwartungen zu erfüllen“, erläutert Eva und macht dabei eine wichtige Einschränkung: Dasselbe gelte auch für schlechte Malerei. Es geht ihr also nicht um „Mensch gegen Maschine“ an sich, sondern um die Frage, ob etwas wirklich Neues entsteht oder nur Erwartungen erfüllt werden. Sie betont ausdrücklich, dass dies ihre persönliche, subjektive Sichtweise sei.

Was nur Malerei kann

Auf die Frage, was Malerei erreichen kann, was andere Medien nicht auf diese Weise bewirken können, antwortet Eva ohne Umschweife: „Weder Film noch Fotografie kann so subjektiv inneres Empfinden darstellen wie Malerei.“ Das gelte selbst dann, wenn ein Bild nicht völlig abstrakt sei. Als Beispiel nennt sie Vincent van Gogh und dessen „unnachahmliche, völlig individualistische Malweise“. Eine Handschrift, die sich nicht von einem Apparat reproduzieren lässt, weil sie untrennbar mit der Person verbunden ist, die sie hervorgebracht hat. Den Grund dafür sieht die Künstlerin im grundlegenden Unterschied zwischen den Medien: „Film und Fotografie können verzerren etc., aber stellen immer etwas Existierendes dar.“ Eine Kamera braucht ein Motiv, das es tatsächlich gibt. Malerei dagegen ist nicht an etwas Vorhandenes gebunden. „Malerei kann die Wahrnehmung an sich darstellen“, sagt sie. Nicht nur, was zu sehen ist, sondern wie man sich beim Anschauen fühlt.

Was der Wirtschaft fehlt

Die dritte Frage zielt auf die größere gesellschaftliche Bedeutung von Kunst. Für Eva Müller beginnt die Antwort bei der Haltung, die Kunst von uns verlangt: „Die Auseinandersetzung mit Kunst setzt eine Offenheit voraus, lässt Raum für offene Fragen.“ Anders als viele andere Bereiche des Lebens gehe es in der Kunst nicht direkt um eindeutige Antworten. „Kunst ist weniger dazu da, Antworten zu geben als Fragen zu stellen und Zweifel zuzulassen und zu versuchen, die Unvollkommenheit der conditio humana zu akzeptieren“, also die Unvollkommenheit, die zu Menschen gehört.

Diese Offenheit hat für sie eine konkrete Konsequenz: „Geschlossene Weltbilder und Extremismus jeglicher Art haben es dann schwerer, in den Köpfen der Menschen Fuß zu fassen.“ Das macht es schwerer, jemanden mit einfachen Antworten zu überzeugen.

Daneben benennt sie ein wiederkehrendes Thema der Kunst: das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. „Wenn dies nicht mehr thematisiert wird und Missstände nicht mehr benannt werden, fehlt ein wichtiger Faktor für den gesellschaftlichen Zusammenhalt“, warnt Eva. Kunst übernehme hier also auch eine Funktion, indem sie ausspricht, was sonst möglicherweise unausgesprochen bliebe.

Wie eng Kunst und gesellschaftliche Freiheit miteinander verbunden sind, zeigt für Eva ein Blick in die Geschichte: „Jegliches totalitäre System in den letzten 100 Jahren hat als erstes die Freiheit der Kunst eingeschränkt.“ Dass ausgerechnet die Kunst zuerst im Visier stand, ist für Eva ein Hinweis darauf, wie stark gesellschaftliche Offenheit an der Kunst hängt.

Zwischen Konkurrenz und Netzwerk

So klar wie Eva über den Wert von Kunst spricht, so nüchtern beschreibt sie den Alltag als Künstlerin. Auf die Frage, wie sie die Kulturszene erlebt und ob sie sich ausreichend unterstützt und wahrgenommen fühlt, überwiegt zunächst die Beschreibung eines harten Umfelds: „Es gibt schon recht viel Konkurrenz, und es ist schwierig, Aufmerksamkeit zu bekommen.“ Sichtbarkeit, sagt sie, entstehe nicht von allein. „Es ist viel Eigeninitiative nötig, Ausstellungen zu organisieren, oder sich anderweitig zu präsentieren.“

Einen festen Rückhalt findet Eva, die seit vielen Jahren in München lebt, im Kunstverein Starnberg: „Eine große Unterstützung ist mir der Kunstverein Starnberg.“ Die beiden letzten Ausstellungen, an denen sie beteiligt war, seien aus dem Umfeld des Vereins heraus organisiert worden. „Dieses Netzwerk ist für mich sehr wichtig“, betont Eva. Was zunächst wie eine Randbemerkung klingt, zeigt letztlich etwas Grundsätzliches: Auch die freie Kunstszene lebt von Strukturen, die Menschen wie Eva eine Plattform geben.

Fazit

Aus dem Gespräch mit Eva Müller lässt sich ein roter Faden ziehen: Malerei behauptet sich gegenüber der KI durch ihre Echtheit und den schöpferischen Akt dahinter. Sie kann etwas zeigen, das kein anderes Medium zeigen kann, nämlich Wahrnehmung selbst. Kurz gesagt: Kunst kann nicht weg, wir brauchen Kunst, um menschlich zu bleiben.

von Peer Siems

1 Comment

  1. Mme Leroc

    Gutes Interview und ein toller Artikel

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