JuLi – Wettbewerb 2026 – Prosa Mittelstufe

JuLi – Wettbewerb 2026 – Prosa Mittelstufe

Beim diesjährigen JuLi – Wettbewerb belegten  Maria (Klasse 8b) den 2. Platz in der Kategorie Prosa mit dem Beitrag: Mein Versprechen

Das Urteil der Jury lautete: „Mein Versprechen“ legt mit eindringlicher Klarheit die Sinnleere des Krieges offen, indem es ihm den Wert menschlicher Nähe gegenüberstellt. Maria schildert die Zerrissenheit eines Familienvaters, dessen Pflichterfüllung im Angesicht von Liebe und Verantwortung an Bedeutung verliert. Gerade im Spiegel der Gewalt wird sichtbar, was wirklich zählt. Das gegebene Versprechen steht dabei als letzter Halt von Menschlichkeit in einer Welt, die sie zu verdrängen sucht. So wird die Erzählung zu einer mahnenden Anklage gegen den Krieg und seine zerstörerische Logik. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten um Sicherheit und Kriegstüchtigkeit gewinnt sie bedrückende Aktualität. Ein kraftvoller Text über Gewissen, Verlust und die Frage nach dem Sinn.

Mein Versprechen

Wir saßen alle zusammen im Wohnzimmer am Tisch. Es war Kriegszeit. Draußen wehten die Winde, sodass wir sie im Haus hörten, denn es war später Winter gewesen. Durch die dünnen Wände unseres Hauses drang die Kälte bis zu uns. Ich und meine Familie teilten gerade die letzten Reste Brot für den Monat auf, denn wir hatten leider nicht mehr als Brot zu essen. Ich, als Ältester und Vater meiner Kinder, zog vor, auf mein Stück zu verzichten, denn ich wollte, dass meine Frau und meine zwei Kinder nicht hungrig ins Bett gehen mussten. Dafür verspürte ich nachts das mächtige Gefühl des Hungers, das mich erschüttern ließ. Mein Körper war meistens völlig ausgetrocknet.

An der Tür klopfte es. Es war sehr spät abends gewesen, weshalb meine Frau und ich uns verwunderte, überraschte Blicke zuwarfen, als wir das Klopfen hörten. „Wer kann denn das bloß sein?“, fragte mich meine Tochter. Ich schüttelte nichtsahnend meinen Kopf. „Ich weiß nicht, mein Mäuschen. Ich gehe nachsehen. Ihr bleibt hier, in Sicherheit!“, antwortete ich, während noch ein etwas lauteres und stärkeres Klopfen zu hören war.

Anschließend standen an der Tür zwei Männer, wobei einer von ihnen einen Brief in den Händen hielt. Sie begrüßten mich, übergaben schnell den Brief und gaben mir keine Möglichkeit, Fragen zu stellen, weil sie sofort das Haus verließen. „Papa, Papa, wer war das?“ Ich setzte mich zu ihnen an den Tisch und betrachtete neugierig das Stück braunes, kariertes Papier. Der Brief war verziert mit einer wunderschönen, klassischen Schreibschrift. „Absender: Wehrmacht-Außenstelle Nürnberg, für: Herr von Langdorf“, las ich laut vor.

Ich öffnete den Umschlag. Alle hatten ihre Augen auf das Papier gerichtet.

„Sehr geehrter Herr von Langdorf! Unter bedingten, verpflichtenden Umständen müssen wir Sie auffordern, für das Vaterland zu kämpfen und unserer Armee während des Krieges beizustehen. Sie haben keine Wahl, zu entscheiden, ob Sie im Krieg kämpfen wollen oder nicht. Packen Sie die wichtigsten und nötigsten Sachen ein. Mehr als einen Handgepäckrucksack dürfen Sie nicht mitnehmen. Am Montag, den 15.12.1941 werden Sie von einem Bus mit anderen Soldaten am Rathausplatz abgeholt. Gezeichnet – Generalstab.“

Niemand sagte etwas. Eine Stille übertönte den Raum. Mein Sohn senkte traurig seinen Kopf und kniete sich auf den Boden.

„Du darfst nicht gehen, Anton. Was sollen wir ohne dich machen, es ist Krieg. Wer soll uns beschützen? Wer soll uns Halt und Sicherheit geben? Wir werden nichts zu essen haben! Die Kinder werden verhungern. Anton, bitte!“, äußerte meine Frau mit gekränkter, unsicherer Stimme.

„Papa, Papa, bitte geh nicht! Ich habe dich so lieb, bitte!“

Obwohl mein Herz bei der Vorstellung, mehrere Jahre meine Familie nicht sehen zu können und die Möglichkeit, sie vielleicht nie wieder zu sehen, zerbrach, zögerte ich keine Sekunde und erklärte ihnen, ich müsse gehen. Ich müsse gehen, weil ich keine Wahl hatte, es war meine Pflicht. Noch weniger wollte ich in Erwägung ziehen, was passieren würde, wenn ich mich dieser Aufgabe verweigern würde und was das für Folgen haben würde. „Weniger Essen, kein Zuhause oder sogar Schlimmeres?“, überlegte ich.

Niemand sagte mehr etwas. Die Worte waren gesprochen, die Bitten verhallt. Meine Frau senkte darauf ihren Blick und stieß einen traurigen Seufzer von sich, als hätte sie verstanden, dass es nichts mehr zu sagen gab. Sie nuschelte vor sich hin: „Ich will nicht, dass du gehst, aber ich kann dich nicht abhalten!“ Eine Träne lief ihre Wange hinunter.

Ich umarmte meine Familie fest und gab ihnen ein Versprechen. Mein Versprechen war, dass ich zurückkehren würde und dass ich sie immer beschützen würde, auch wenn ich nicht bei ihnen sei.

Ein paar Tage und Tränen später war der Montag da. Ich musste früh morgens losgehen, weshalb ich mich schon am vorherigen Abend von meiner Familie verabschiedet hatte. Ich stand am Fenster, als ich gerade den Bus auf unser Haus zufahren sah. Er sah altmodisch aus und war mit Dreck verschmutzt. In ihm saßen viele Soldaten mit Camouflage-Uniformen.

Ich nahm mein Gepäck und stieg in den Bus, als mich meine Angst überkam. Anschließend konnte ich nicht glauben, dass ich meine Familie vielleicht nie wieder sehen würde. Ich hatte schreckliche Angst, wie es sein würde, mit dem Gedanken, meine Familie alleine, ohne Vater zu lassen und mit diesem Schmerz in meiner Seele sterben zu müssen. Allein bei dem Gedanken, wie es wäre, dass eine Patrone meinen Hals durchquerte, erstarrte das Blut in meinem Körper.

Die Fahrt war lang gewesen. Draußen war es düster, kalt und dunkel. Ich war umkreist von vielen verschiedenen Männern, meist im selben Alter wie ich. Sie waren versammelt aus den verschiedensten Kulturen, die ich mir nur vorstellen konnte. Ich beobachtete, wie sie sich voneinander unterschieden. Einige hatten Fotos ihrer Frauen, Kinder oder Eltern zwischen den Fingern, andere dafür einzelne Stücke Essen. Manche hatten dreckige Gesichter, andere waren ungewaschen.

Auch ich starrte auf ein Bild meiner Familie. Es gab mir das beruhigende Gefühl, als seien sie bei mir.

Nach einigen Stunden Fahrt kamen wir an einer Kaserne im Osten an. Alle traten nach und nach aus den Bussen. Neben unserem Bus erblickte ich viele andere, gleich aussehende Busse. Alle versammelten sich, als wir vor den Bussen warten mussten, bis ein Mann zu sprechen begann.

„Soldaten, Ruhe! Stillgestanden! Uns ist bewusst, dass die Umstände, weswegen sie hier versammelt sind, nicht gerade die angenehmsten sind. Die meisten von Ihnen mussten Familien verlassen, um jetzt hier stehen zu können. Ich kann Ihnen sagen, die bevorstehenden Wochen, Monate und Jahre werden nicht leicht. Aber Sie haben keine andere Wahl. Gleich werden Ihnen Uniformen, Zimmer und Gewehre zugeteilt.“

In meinem Kopf schwebte ein unangenehmes Gefühl der Trauer. Meine Arme und Beine waren wie gelähmt. Ich fühlte mich nicht frei ohne meine Familie. Es war ein Gefühl, welches ich noch nie zuvor gefühlt hatte.

Der Abend verging schnell. Wir wurden zu unseren Betten gebracht, die in zwei großen Zimmern lagen. Sie waren aus Holz gemacht. Die Zimmer lagen in einem großen Kriegslager.

Ich legte mich auf meins und beobachtete die anderen Männer. Die Tage danach trainierten wir viel. Wir wurden auf die Front vorbereitet. Die Nächte waren kurz, die Tage endlos. Wir lernten, wie man marschiert, wie man schießt und wie man gehorcht.

Mein Körper bewegte sich zwar, er gehorchte und lernte, doch ich war meistens ganz weit weg. Bei meiner Frau. Bei meinen Kindern. An dem Tisch im Wohnzimmer, an dem wir das letzte Brot geteilt hatten und an dem dieser Albtraum begonnen hatte.

Mit jedem Tag, der verging, fühlte ich mich leerer und schwächer, denn ich begriff, dass dieser Krieg nicht fragte, wer wir waren. Er nahm einfach.

Mit so vielen Männern in einem Zimmer lernte ich zu teilen und einiges auszuhalten. Ich freundete mich mit einem etwas älteren Mann namens Selan an. Sein Bett war über meinem. Das schwierige Training, die schmerzhaften Tage und die eigenen Gedanken ließen sich mit ihm einfacher überleben. Wir verbrachten oft nachts Stunden mit Reden. Er schaffte es meist, mich aufzumuntern und mich immer wieder zu motivieren, dass ich zu meiner Familie zurückkehren würde, als ich die Hoffnung verloren hatte.

An einem Abend, kurz bevor es Abendessen gab, stürmte einer der Offiziere in unser Zimmer. Er rief meinen Namen. Ein Brief von meiner Familie. …

Fortsetzung folgt!

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