JuLi – Wettbewerb 2026 – Prosa Mittelstufe

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Fortsetzung des JuLi- Siegerbeitrags „Mein Versprechen“ von Maria (8b) https://www.kaktus-bzm.de

… Vor Freude zitterten meine Hände, sodass ich den Brief fast fallen ließ. Ich setzte mich auf mein Bett und öffnete ihn. Meine Augen füllten sich mit jedem geschriebenen Buchstaben mit Tränen, denn ich war so froh, von meiner Familie zu hören.

„Lieber Anton, die Kinder fragen jeden Tag nach dir, morgens und abends. Wir haben zwar kaum etwas zu essen, doch wir schaffen es irgendwie, alles zu teilen, um zurechtzukommen. Dein Bild steht auf unserem Tisch im Wohnzimmer. Es hat schon seinen eigenen Platz bekommen. Bitte vergiss nie, dass wir auf dich warten. Komm zurück, sobald du kannst. Wir lieben dich! Und vergiss niemals, dass du dein Versprechen nicht brechen darfst!“

Ich wischte mir die Tränen vorsichtig aus dem Gesicht, als ich ein Lächeln auf meinen Lippen spürte. Mühsam faltete ich den Brief zusammen und steckte ihn in meine Jackentasche. Zum ersten Mal seit Monaten fühlte ich wieder etwas Wärme in meinem Körper.

Nach weiteren schmerzhaften Wochen, gefüllt mit Schweiß, körperlicher Anstrengung, täglicher Disziplin und Angst, wurden meine Kameraden und ich zur Front geschickt. Niemand von uns hatte erwartet, dass der Tag so früh kommen würde. Uns wurden weitere Gewehre gegeben. Waffen verteilt. Ich wusste nicht, was auf mich zukommen würde.

Eine mächtige Angst bekam ich zu spüren, die erneut meinen Körper erschüttern ließ. Wie all die letzten Male, als ich mir Gedanken über den Krieg machte und zu überlegen versuchte, wie es sein würde, wenn ein Knall eines Gewehrs meine Ohren erfüllte oder ein Dolch meinen Körper durchbohrte. Bei diesen Gedanken fühlte ich meinen Körper nicht mehr. Ich war wie gelähmt.

Die Front war lauter als ich mir je vorgestellt hatte. Der Boden bebte. Der Himmel schrie. In meinen Augen sah selbst die Natur blass und verkrümmt aus vor den gefallenen Bomben. Sie hatten jeden Zentimeter Leben zerstört. Männer fielen neben mir. Männer, die ich kennenlernen durfte. Männer, mit denen ich trainierte. Manche fielen ohne einen Laut. Anderen floss das Blut langsam über das Gesicht und den Körper hinunter.

Obwohl ich aufgeben wollte, schreien wollte, weinen wollte, war mir bewusst, dass ich nicht aufgeben durfte. Ich tat es für meine Familie und für mein Überleben. Nicht für das Land.

In ruhigen Momenten nahm ich das Foto von ihnen aus meiner Jacke. Es war zerknittert und beschmutzt, doch es erinnerte mich daran, warum ich noch atmete.

Es vergingen viele Wochen und Monate an der Front. Kalte, düstere und emotionale Wochen, die mich veränderten. Ich sah so viele Menschen in meinen Armen ihren letzten Atemzug nehmen, dass es mich innerlich auffraß.

Ich wusste, wenn ich zu meiner Familie zurückkehren würde, wäre es das Beste, was mir passieren konnte. Doch ich begriff auch, dass ich anders sein würde. Kälter. Mit mehr Ängsten. Mit einem Kopf voller hinterlassener Wunden, die mich nie verlassen würden.

Schließlich kam der Tag, an dem alles still wurde. Ein gewöhnlicher Tag an der Front. Wie die letzten Tage der vergangenen Wochen und Monate. Bis ich zu Boden fiel.

Ein Knall. Ein brennender Schmerz in meinem Bauch. Er veränderte alles. Um mich herum Chaos. Schreie. Donnern. Soldaten und tote Körper überall.

Die Wunde in meinem Bauch blutete. Ich verspürte einen Schmerz, der meinen Atem stocken ließ. Ich schluchzte, während ich meine Hände fest auf die Verletzung presste. Das Blut floss ohne Unterbrechung wie ein Wasserfall über meine Hände. Eine Gänsehaut überzog meinen ganzen Körper. Plötzlich fühlte ich, wie das Blut durch meinen Körper wanderte. Ich versuchte aufzustehen, um mich woanders hinzulegen, doch ich konnte keine einzige Bewegung ausführen. Keinen Schritt gehen. Es schmerzte zu sehr. Ich war mir sicher – das war das Ende meines Lebens. Aus meiner Tasche fiel etwas auf den Boden neben mir. Es war das Foto meiner Familie. Mit Blut beschmiert. Ich blickte es an und überlegte traurig. Ich würde sie nicht wiedersehen. Ich würde mein Versprechen brechen. Nie könnte ich bei dem Abschluss meiner Kinder dabei sein. Meine Enkelkinder würde ich niemals kennenlernen können. Tränen flossen mein Gesicht entlang. Mir wurde schlecht. Ich wusste nicht, ob es wegen des Blutverlustes oder wegen der Angst war, zu sterben und meine Familie alleine zu lassen.

Meine Augen schweiften über die zerstörten Felder. Ich sah Erinnerungen mit meiner Familie. Ich stellte mir vor, wie sie über das Feld rennen und mir zuwinken. Wie meine Frau auf mich zukommt und mich mit ihrem wunderschönen Lächeln begrüßt. Wunderschön und bezaubernd wie immer. Ich erinnerte mich, wie die Kinder lachend durchs Zimmer liefen.

Meine Wunde schmerzte mit jedem Augenblick mehr und mehr. Ich konnte nichts dagegen tun, obwohl ich aufstehen und kämpfen wollte. Für meine Familie. Doch mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Er ließ es nicht zu. Plötzlich drehte sich alles vor meinen Augen. Es schwankte. Alles wurde farbig. Die Wunde an meinem Magen schmerzte fürchterlich, sodass ich es kaum aushielt. Mein Kopf dämmerte. Schritte näherten sich hastig. Plötzlich sah ich meinen Freund Selan. Er rannte auf mich zu, rief meinen Namen und ließ sich neben mir auf die Knie fallen. Seine Stimme zitterte. Seine Hände griffen nach mir.

Ich wollte antworten. Wollte ihm sagen, dass ich hier war. Dass ich aufstehen wollte, um heimzukehren.

Doch meine Kraft reichte nicht mehr.

Das letzte, was ich sah, war Selans Gesicht über mir.

Dann schloss ich meine Augen und dachte, ich darf doch nicht mein Versprechen brechen.

 

 

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