Beim diesjährigen JuLi – Wettbewerb belegte Mila B. (9e) den 3. Platz in der Kategorie Lyrik mit ihrem Beitrag „Krebsdiagnose“
Das Urteil der Jury lautete: Mila beschreibt in ihrem drittplatzierten Text „Krebsdiagnose“ einen Organismus, der früher einmal in vollster Blüte stand, nun aber langsam stirbt – von innen heraus. Was zunächst wirkt wie ein medizinisches Bild, entfaltet seine Wirkmächtigkeit über die Bildränder hinaus. Die eigentliche Diagnose erfolgt erst ganz zum Schluss. Problem ist gar nicht der Krebs, sondern etwas anderes: der Mensch.
Krebsdiagnose
Es gab mal Zeiten
Da war sie gesund,
Dort hat sie geblüht, gestrotzt vor Leben
Manchmal in Kälte, manchmal in der Wärme.
Sicher, es gab immer Phasen
In denen sie geschwächelt hat,
In denen es dem Organismus,
dieser pulsierenden Einheit
nicht gut ging.
Doch sie hat sich immer erholt
Und irgendwann wieder geblüht,
gestrotzt vor Leben.
Bis irgendwann
die einen kamen.
Die einen,
die sich zu stark entwickelt haben,
Die,
die immer mehr geworden sind
Und mehr
Und mehr
Und mehr.
Die anderen Teile für eigene Zwecke benutzt,
Den Organismus, die Einheit ausgenutzt
Und die Metastasen werden mehr
Sie breiten sich aus
Verdrängen die Funktion
Verformen die Schönheit
Und erschaffen eine neue Kreatur,
die wenig mit der alten gemein hat.
Krebs unterwirft Organismus
Diese übergeordnete Einheit,
Nur noch zum Zwecke der einen.
Das grüne, blühende, strotzende Leben
Abgerodet
Weicht dem Grau,
Allumgreifendes Grau,
Ganze Leben spendende Adern
Ausgetrocknet,
Gewichen dem Grau.
Nur der Tumor breitet sich aus,
Schadet sich selbst,
Durch das Abtöten des Organismus,
Der ihn doch am Leben hält.
Und nun verzweifelt kämpft
Doch der Organismus,
Schwächelt,
Stirbt
langsam
Und doch eigentlich zu schnell
Jeder Angehörige nimmt es anders auf.
Alle sind sich natürlich des Unheils bewusst,
Doch die meisten fühlen nur Verdruss,
Wissen nicht: was nun?
Können doch alleine nichts tun.
Drum versuchen sie es zu ignorieren,
suchen lieber nach der Fliege an der Wand,
Als das Krankenbett vor sich zu sehn
Tun so als wär‘s bloß ‘ne Erkältung,
Fahren fort wie gehabt
Den eigenen Erfolg im Sinne,
Dabei gibt es hier keine Gewinne
Und auch keine Fliege an der Wand
Dann gibt es noch die,
Die es nicht vergessen,
Immer wieder auf das Leiden aufmerksam machen,
Denn diesen ist bewusst,
Dass ignoriertes Leid viel lauter schreit,
Um sich tritt
Und schlussendlich multipliziert
Das sind mutige Kämpfer
Denn sie geben nicht auf,
Versuchen, Beschwerden zu lindern
Aufs Risiko hin,
Böse angeschaut zu werden.
Denn es weiß doch schon jeder!
Es killt nur die Stimmung!
Das Thema natürlich schlimm,
aber schon völlig ausgelutscht.
Das starke Fieber wird von jedem bemerkt,
doch als Temperaturschwankung abgetan
Es tun nur ganz wenige ‘was:
Zu wenig Pflegekräfte,
Die Behandlung zu teuer
Der Rest hält die Stellung.
Alles andere wäre zu unbequem
Zu viel Aufwand,
der zu wenig Ergebnis zeigt
Den schon rollenden Stein
Einfach rollen lassen
Viel einfacher als aufzuhalten
Denn solange es neben dem Grau
Noch ein bisschen Bunt gibt,
Sollte man doch am besten den Augenmerk
Aufs Schöne richten.
Der Organismus aber ist schwer krank.
Die Lage bessert sich nicht.
Dabei würde ich sagen,
Dass es nicht der Krebs ist,
der sich ausbreitet,
Abgerodet,
Austrocknet,
Vergiftet,
Zerstört,
Die Diagnose lautet vielmehr:
Homo sapiens sapiens

Wie wahr. Ausdrucksstark und aufrüttelnd.