JuLi – Wettbewerb 2026 Lyrik Mittelstufe

JuLi – Wettbewerb 2026 Lyrik Mittelstufe

Beim diesjährigen JuLi – Wettbewerb belegte Mila B. (9e) den 3. Platz in der Kategorie Lyrik mit ihrem Beitrag „Krebsdiagnose“

Das Urteil der Jury lautete: Mila beschreibt in ihrem drittplatzierten Text „Krebsdiagnose“ einen Organismus, der früher einmal in vollster Blüte stand, nun aber langsam stirbt – von innen heraus. Was zunächst wirkt wie ein medizinisches Bild, entfaltet seine Wirkmächtigkeit über die Bildränder hinaus. Die eigentliche Diagnose erfolgt erst ganz zum Schluss. Problem ist gar nicht der Krebs, sondern etwas anderes: der Mensch.

Krebsdiagnose

Es gab mal Zeiten

Da war sie gesund,

Dort hat sie geblüht, gestrotzt vor Leben

Manchmal in Kälte, manchmal in der Wärme.

Sicher, es gab immer Phasen

In denen sie geschwächelt hat,

In denen es dem Organismus,

dieser pulsierenden Einheit

nicht gut ging.

Doch sie hat sich immer erholt

Und irgendwann wieder geblüht,

gestrotzt vor Leben.

 

Bis irgendwann

die einen kamen.

Die einen,

die sich zu stark entwickelt haben,

Die,

die immer mehr geworden sind

Und mehr

Und mehr

Und mehr.

 

Die anderen Teile für eigene Zwecke benutzt,

Den Organismus, die Einheit ausgenutzt

Und die Metastasen werden mehr

Sie breiten sich aus

Verdrängen die Funktion

Verformen die Schönheit

Und erschaffen eine neue Kreatur,

die wenig mit der alten gemein hat.

 

Krebs unterwirft Organismus

Diese übergeordnete Einheit,

Nur noch zum Zwecke der einen.

Das grüne, blühende, strotzende Leben

Abgerodet

Weicht dem Grau,

Allumgreifendes Grau,

Ganze Leben spendende Adern

Ausgetrocknet,

Gewichen dem Grau.

Nur der Tumor breitet sich aus,

Schadet sich selbst,

Durch das Abtöten des Organismus,

Der ihn doch am Leben hält.

Und nun verzweifelt kämpft

Doch der Organismus,

Schwächelt,

Stirbt

langsam

Und doch eigentlich zu schnell

 

Jeder Angehörige nimmt es anders auf.

Alle sind sich natürlich des Unheils bewusst,

Doch die meisten fühlen nur Verdruss,

Wissen nicht: was nun?

Können doch alleine nichts tun.

Drum versuchen sie es zu ignorieren,

suchen lieber nach der Fliege an der Wand,

Als das Krankenbett vor sich zu sehn

Tun so als wär‘s bloß ‘ne Erkältung,

Fahren fort wie gehabt

Den eigenen Erfolg im Sinne,

Dabei gibt es hier keine Gewinne

Und auch keine Fliege an der Wand

 

Dann gibt es noch die,

Die es nicht vergessen,

Immer wieder auf das Leiden aufmerksam machen,

Denn diesen ist bewusst,

Dass ignoriertes Leid viel lauter schreit,

Um sich tritt

Und schlussendlich multipliziert

 

Das sind mutige Kämpfer

Denn sie geben nicht auf,

Versuchen, Beschwerden zu lindern

Aufs Risiko hin,

Böse angeschaut zu werden.

Denn es weiß doch schon jeder!

Es killt nur die Stimmung!

Das Thema natürlich schlimm,

aber schon völlig ausgelutscht.

Das starke Fieber wird von jedem bemerkt,

doch als Temperaturschwankung abgetan

Es tun nur ganz wenige ‘was:

Zu wenig Pflegekräfte,

Die Behandlung zu teuer

Der Rest hält die Stellung.

Alles andere wäre zu unbequem

Zu viel Aufwand,

der zu wenig Ergebnis zeigt

 

Den schon rollenden Stein

Einfach rollen lassen

Viel einfacher als aufzuhalten

Denn solange es neben dem Grau

Noch ein bisschen Bunt gibt,

Sollte man doch am besten den Augenmerk

Aufs Schöne richten.

Der Organismus aber ist schwer krank.

Die Lage bessert sich nicht.

Dabei würde ich sagen,

Dass es nicht der Krebs ist,

der sich ausbreitet,

Abgerodet,

Austrocknet,

Vergiftet,

Zerstört,

Die Diagnose lautet vielmehr:

Homo sapiens sapiens

1 Comment

  1. Möwe

    Wie wahr. Ausdrucksstark und aufrüttelnd.

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