In der Kategorie Prosa Unterstufe erreichte Felicitas aus der 7c beim diesjährigen JuLi Schreibwettbewerb den 1. Platz mit ihrem Beitrag: Eine Weihnachtsgeschichte
Das Urteil der Jury lautete: Ein verschneiter Tag, ein hilfesuchender Elf und ein Weihnachtsabenteuer anderer Art. In ihrer Weihnachtsgeschichte zeigt Felicitas, wozu man fähig ist, wenn jemand vergessen ist und von Einsamkeit angetrieben wird. Mithilfe eines Elfen und eines Rentiers macht sich die Hauptfigur auf die Suche nach den gestohlenen Stimmen der Weihnachtselfen, muss in dunkle Wälder vordringen und dabei den eigenen Mut beweisen. Es entsteht ein intertextuelles Abenteuer voller Magie und des Zaubers von Weihnachten.
Eine Weihnachtsgeschichte
Mit einer schnellen Bewegung fischte ich den Teebeutel aus meiner Tasse. Dann zog ich einen Löffel aus der Schublade und schaufelte mir damit Zucker in mein Getränk. Mein Blick fiel durch das Küchenfenster. Es hatte angefangen zu schneien. Das Thermometer zeigte seit Tagen Minusgrade an, und der Himmel war schon über und über mit schweren, grauen Wolken bedeckt. Mit zwei Schritten war ich im Wohnzimmer. Da meine Eltern über das Wochenende meine Oma besuchten, konnte ich mir im Fernsehen angucken, was ich wollte. Also schaltete ich meine Lieblingsserie an und nippte an meinem Tee.
Plötzlich nahm ich eine schnelle und unnatürliche Bewegung auf der Terrasse wahr. Wie hypnotisiert starrte ich auf die Stelle – aber da war nichts mehr. Vielleicht hatte ich mir das nur eingebildet. Ich richtete meine Blicke wieder auf den Fernseher. Aber Moment mal! Da war es schon wieder! Als wäre da ein kleiner blauer Blitz, der zwischen unseren Blumentöpfen hin und her flitzte. Neugierig stand ich auf und öffnete die Tür zum Garten. Sofort schlug mir eisige Kälte entgegen. Trotzdem trat ich hinaus auf die glatten Holzplanken der Terrasse. Ich war mir inzwischen sicher, dass ich mir die Bewegung nicht einbildete. Ich ging näher an die Stelle, wo ich den Blitz das letzte Mal gesehen hatte. Auf einmal spürte ich einen Schmerz an meinem Fußknöchel. Es fühlte sich an, wie etwas, das immer und immer wieder gegen meinen Fuß prallte. Mein Blick wanderte nach unten, und ich erblickte ein kleines, blaues Männchen, das immer wieder gegen meinen Fuß rannte. Als es bemerkte, dass ich es beobachtete, blieb es stehen, hielt für einen Moment inne und starrte auf den Boden. Dann hob es den Kopf. Jetzt schaute es mir direkt in die Augen. Ich hatte nun Gelegenheit, mir das Wesen etwas genauer anzuschauen. Vom runden, blau-lila Kopf standen zwei riesige Segelohren ab, die genauso aussahen wie die von Dobby, dem Elfen aus Harry Potter. In der Mitte des Gesichts erkannte ich eine kleine, spitze Nase. Daneben strahlten zwei große, schwarze Knopfaugen auf, die funkelten wie die Tautropfen auf dem Gras. Ich spürte sofort – dieses Männchen war umgeben von Magie.
Nach ein paar Momenten der Stille fing das Männchen an zu sprechen. Oder es sah zumindest so aus. Aus dem Mund des Zwergs kamen keine Worte, ja, noch nicht einmal Laute. Konnte ich seine Sprache einfach nicht verstehen, oder sprach das Wesen nur zu leise? Prüfend schaute ich das Männchen an, bevor ich mich langsam zu ihm hinunterbückte. Wieder öffnete es den Mund. Es sah ein bisschen so aus, als hätte es Hunger. Aber wieder hörte ich nichts. Dann rang ich mich durch und fragte: »Kannst du … nicht sprechen?« Ich wusste nicht genau, ob die Frage vielleicht unhöflich war, denn man würde ja auch jemanden ohne Beine nicht fragen: »Hey, kannst du nicht laufen?«. Doch das Männchen schien nicht verärgert oder gekränkt zu sein. Trotzdem schüttelte es leider wie erwartet den Kopf. Aber nun wusste ich immerhin, dass es mich und meine Sprache verstehen konnte. »Kannst du vielleicht aufschreiben, was du sagen willst?«, versuchte ich es noch einmal. Doch die Augen des Männchens wurden nur größer, und eine Träne rollte ihm über die Wange. Scheinbar hatte ich da irgendeinen wunden Punkt getroffen. Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Dann beschloss ich, Ja-und-Nein-Fragen zu stellen. »Bist du so eine Art Geist?«, fragte ich vorsichtig. Das Männchen schüttelte den Kopf. Wieder schien es mir irgendetwas sagen zu wollen, doch wieder konnte ich es nicht verstehen. »Bist du schon lange hier?« Das Wesen schüttelte den Kopf erneut. Dann beschloss ich auszusprechen, was ich genau in diesem Moment gerade dachte. »Brauchst du meine Hilfe?« Neugierig, aber verängstigt zugleich, starrte ich wie hypnotisiert das Männchen an. Dann, ganz langsam, nickte es.
Unglaublich verrückt! Ein kleines magisches Wesen von wer weiß woher steht eines Morgens auf unserer Terrasse und will meine Hilfe. »Also gut, und von wo genau kommst du?« Das Männchen sah sich kurz um und zeigte dann mit einem seiner winzigen Arme in Richtung Norden. »Ist es weit?«, fragte ich unsicher. Das Wesen nickte. »Na gut, dann warte oder komm kurz mit rein, und ich hole noch ein paar Sachen.« Etwas zögernd betrat das Männchen hinter mir unser Wohnzimmer, während ich schnell die Treppe hoch in Zimmer rannte. Ich packte Wasser, ein bisschen Toast, Shortbread, einen Kompass und noch ein paar warme Klamotten in einen Rucksack. Ich wusste nicht genau, warum ich dem Männchen half, obwohl ich nicht mal wusste, wie lange es dauerte, aber ich fühlte, dass es wichtig war. Wieder im Wohnzimmer angekommen, zog ich mir schnell einen Pulli und eine andere Hose an. Dann warf ich mir meine wärmste Jacke über und schlüpfte in meine Wanderschuhe. Die Mission konnte beginnen. Das Männchen stand schon ungeduldig an der Tür. Es trat wieder hinaus in den Schnee, und ich folgte ihm. Doch nach etwa 10 Metern merkte ich, dass das Ganze schwieriger werden würde als gedacht. Das Männchen versank kopftief im Schnee und kam nur sehr langsam voran. Als es dann so tief versank, dass ich es nicht mehr sehen konnte, beschloss ich, es einfach zu tragen. So konnte es mir per Handzeichen ja immer noch die Richtung anzeigen.
Der Schnee wurde immer höher, die Flocken dicker, und der Wind tat in den Augen weh. Wir waren jetzt schon fast zwei Stunden unterwegs. Und schon seit einer Weile war das Männchen sich unsicher, in welche Richtung wir weiter gehen sollten. Es schien irgendetwas zu suchen. Aber im dichten Schnee konnte es kaum etwas erkennen. Dann, ganz plötzlich, hüpfte das Männchen auf meiner Hand auf und ab und riss die Arme hoch. Sein schmaler Mund formte ein Lächeln, und ich denke, wenn es hätte reden können, hätte es so etwas wie »Jipiiii« gesagt
Ein Gefühl der Freude breitete sich in meinem Körper aus. Wir waren scheinbar am Ziel angekommen. Aber dann hielt ich inne. Hier war doch überhaupt nichts. Langsam erkannte ich Umrisse von Bäumen und Sträuchern. Wir standen auf einer kleinen Lichtung. Vor uns ragte ein nicht wirklich spektakulärer Stein in die Höhe. Aber das Männchen freute sich immer weiter. Dann drehte es sich zu mir um und symbolisierte mir, dass ich es nun absetzen konnte. Als ich dies getan hatte, lief es zu dem Stein und zog an irgendetwas. Es sah ziemlich drollig dabei aus. Aber als nichts passierte, fragte ich verwirrt: »Was soll das bew…«, und weiter kam ich nicht. In diesem Moment verlor ich den Boden unter den Füßen und fiel in eine Art Gang. Das Männchen fiel ebenfalls, aber irgendwie schaffte es es, auf den Füßen zu landen und nicht, wie ich, auf dem Hosenboden. »Wo sind wir denn hier???«, fragte ich überwältigt, und das Echo meiner Stimme hallte von der Decke wider. Das Männchen lächelte und lief zielsicher in einen der drei Gänge, die vor uns lagen. Schnell kramte ich nach meinem Handy und schaltete die Taschenlampenfunktion ein. Dann lief ich dem Wesen hinterher. Vom Ende des Ganges drang Licht in den Untergrund. Und ich konnte Musik hören. »So wie ich jetzt muss sich Alice gefühlt haben, als sie das erste Mal das Wunderland betreten hat«, dachte ich. Langsam traten wir aus der Höhle hinaus ins Freie.
Fortsetzung folgt 😉
