Fortsetzung des Beitrags von Felicitas R, Klasse 7c, „Eine Weihnachtsgeschichte“, hier kannst du den zweiten Teil noch einmal lesen https://www.kaktus-bzm.de
Erst dachte ich, es sei nur ein Schatten zwischen den Bäumen, doch dann erkannte ich eine Gestalt. Klein, schmal, mit gesenktem Kopf. Sie bewegte sich langsam, fast schwebend, über den Schnee. »Hallo?«, wollte ich rufen. Aber kein Laut kam aus meinem Mund.
Panik kroch in mir hoch. Ich öffnete den Mund erneut, versuchte zu schreien, zu sprechen, irgendetwas – doch es war, als hätte mir jemand die Stimme gestohlen. Mein Herz hämmerte. Ich griff mir an den Hals, als könnte ich sie dort festhalten.
Da spürte ich ein leichtes Ziehen an meinem Ärmel. Blue hatte sich vor mein Gesicht geschoben. Er sah mich ernst an, fast streng, und legte einen seiner winzigen Finger auf meinen Mund. Dann schüttelte er langsam den Kopf. Ich verstand: nicht sprechen, nicht hier! Langsam wurde der Nebel noch dichter, und ich konnte kaum noch die Bäume um mich herum erkennen. Die Gestalt vor mir blieb stehen. Langsam hob sie den Kopf. Ich erkannte ein Gesicht, das mir seltsam vertraut vorkam. Es war elfenhaft, aber nicht blau, sondern blass und farblos. Die Augen waren groß, doch leer, als hätten sie schon lange kein Lächeln mehr gesehen. Der Mund bewegte sich, formte Worte – aber ich hörte nichts. Stattdessen spürte ich etwas in meinem Kopf. Kein Geräusch, sondern ein Gedanke, der nicht meiner war.
»Warum bist du hier?« Ich schluckte und dachte so laut ich konnte zurück: »Ich will die Stimmen zurückbringen.« Die Gestalt zuckte zusammen. Ihre Augen weiteten sich. »Zu spät«, antwortete sie. »Sie gehören jetzt mir.«
Ein dumpfer Schmerz pochte in meiner Brust. Ich wusste plötzlich, dass dies kein gewöhnlicher Elf war. Etwas an ihm war zerbrochen. Und tief in mir spürte ich, dass ich ihn nicht einfach überrumpeln konnte.
Der Wald schien näher zu rücken, wie in einem magischen Labyrinth aus Harry Potter 4. Die Stille wurde schwerer. Und irgendwo in der Ferne, ganz leise, hörte ich ein Flüstern – als würden hunderte Stimmen gleichzeitig um Hilfe rufen.
Das Flüstern wurde lauter. Es kam nicht aus einer bestimmten Richtung, sondern schien gleichzeitig aus allen Richtungen zu kommen. Es drang durch den Boden und durch die Bäume, direkt in meinen Kopf. Ich presste die Lippen zusammen und schloss für einen Moment die Augen. Es fühlte sich an, als würden all diese Stimmen an mir ziehen, als wollten sie mich festhalten.
Blue klammerte sich fester an meine Schulter. Ich spürte, wie sein kleiner Körper zitterte. Auch Grey war unruhig geworden. Er scharrte mit den Hufen im feuchten Waldboden und senkte sein großes Geweih, als würde er eine unsichtbare Gefahr wittern.
Die Gestalt vor mir bewegte sich wieder. Langsam, fast widerwillig, trat sie näher. Als hätte sie auch Angst vor uns. Mit jedem Schritt schien sie ein Stück klarer zu werden. Ihre Kleidung war zerrissen, an manchen Stellen nur noch Fetzen. Wo eigentlich ein fröhliches Elfenblau hätte sein sollen, war nur ein fahles Grau.
»Du verstehst es nicht«, erklang die Stimme wieder in meinem Kopf. Sie klang müde und alt. »Sie haben nie zugehört.« Ich schluckte. »Wer?«, dachte ich. Die Gestalt senkte den Blick. »Alle. Immer waren sie laut. Lachen, Singen, Arbeiten. Aber niemand hörte mir zu.«
Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in meiner Brust aus. Ich merkte, dass mir das Atmen schwerer fiel. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Stille. Sie drückte auf mich.
»Warum hast du die Stimmen gestohlen?«, dachte ich vorsichtig. Der Elf hob den Kopf ruckartig. Seine Augen funkelten kurz auf. »Weil sie dann spüren, wie es ist. Weil sie dann still sein müssen.«
»Sie brauchen ihre Stimmen. Weihnachten braucht sie«, sagte ich – oder dachte es zumindest.
Der Elf lachte. Oder versuchte es. Es war ein lautloses, bitteres, unheimliches Lachen. Damit hätte er Lord Voldemort Konkurrenz gemacht. »Weihnachten braucht immer nur Geschenke und Essen. Keine Stimmen.«
Der Nebel verdichtete sich noch weiter. Die Bäume rückten noch näher zusammen. Ich hatte das Gefühl, der Wald würde auf unsere Entscheidung warten. Da trat Grey einen Schritt vor. Seine Augen leuchteten in einem sanften, silbrigen Licht. Ohne den Mund zu bewegen, sprach er – direkt in meinen Gedanken: »Er ist verloren, aber nicht böse. Seine Stimme ist dort gefangen, wo auch die der anderen sind.« »Wo?«, fragte ich.
Grey senkte den Kopf leicht. »Im Herzen des Waldes. Dort, wo die Stille ihre Wurzeln hat.« Ich atmete tief durch. Dann sah ich den Elfen wieder an. »Du willst gehört werden«, dachte ich klar und fest. »Dann hör mir jetzt zu.« Meine Stimme klang bedrohlicher als beabsichtigt. Die Gestalt schaute mich verwirrt an.
Langsam machte ich einen Schritt nach vorne. Meine Beine fühlten sich kraftlos und müde an, aber ich ging weiter. Noch einen Schritt. Dann noch einen. »Ich höre dich«, sagte ich – und diesmal war ich mir sicher, dass meine Stimme zurück war. Leise, aber sie war wieder da. »Und ich glaube, dass du nicht willst, dass alles für immer still bleibt.«
Der Elf starrte mich an. Seine Lippen zitterten.
Und irgendwo tief im Wald veränderte sich etwas.
Die Stille bekam einen Riss.
Der Riss in der Stille war zuerst kaum mehr als ein Gefühl. So, als würde man nach langer Zeit unter Wasser endlich wieder Luft bekommen. Ich hörte ein leises Knacken, tief unter unseren Füßen.
Der Elf wich einen Schritt zurück. Seine Augen huschten nervös umher. Der Nebel begann sich langsam zu bewegen. Er war nicht mehr ganz so dicht. »Hörst du das?«, fragte ich leise.
