JuLi – Wettbewerb 2026 – Prosa Mittelstufe

JuLi – Wettbewerb 2026 – Prosa Mittelstufe

Beim diesjährigen JuLi – Wettbewerb belegte Alessia ( Klasse 10c) den 1. Platz in der Kategorie Prosa mit dem Beitrag: Nicht noch einmal mehr

Das Urteil der Jury lautete: Die Erzählung „Nicht noch einmal mehr“ von Alessia richtet den Blick eindringlich auf die zerstörerische Dynamik toxischer Beziehungen und die oft nach außen unsichtbare Gewalt im Inneren einer Partnerschaft. Die Erzählung folgt dem schmerzhaften Versuch, sich aus einem Kreislauf von Abhängigkeit, Angst und Hoffnung zu lösen und den Mut zu finden, Hilfe anzunehmen. Dabei wird nicht nur das äußere Geschehen sichtbar, sondern vor allem die psychische Verstrickung, die ein Losbrechen so schwer macht. Mit spürbarer Sensibilität nähert sich der Text den inneren Konflikten der Figur und legt die feinen Risse offen, die lange unbemerkt bleiben. Die Faszination der Autorin für psychologische Zusammenhänge verleiht der Geschichte eine besondere Tiefe und Authentizität. So entsteht eine eindringliche, bewegende Auseinandersetzung mit Gewalt, Selbstbehauptung und dem schwierigen Weg in die Freiheit.

Nicht noch einmal

Prolog: „…drei, zwei, eins.“ Komm schon, Sarah. Was hält dich auf? Das ist deine Chance. Renn in die Freiheit. In die Unabhängigkeit. Was soll denn noch passieren? Meine Gedanken kreisten, während meine Hand auf der Türklinke zitterte und den lockeren Metallgriff zum Klackern brachte. Ich schloss die Augen. Ich wusste, dass ich es wollte. Ich musste nur noch einmal diesen einen Moment Revue passieren lassen. Diesen Moment, in dem es hätte Klick machen müssen. An dem ich alles hätte stoppen müssen, damit es niemals so weit gekommen wäre. Dann öffnete ich meine Augen, riss die Tür auf und rannte los, ohne durchdachten Plan, einfach nur weg von hier.

Früher: Während ich die Prise Wind vom Ausholen spürte und das klatschende Geräusch durch den großen Flur des Hauses hallte, wusste ich, was geschehen war. Ich schreckte auf und meine Hand glitt sofort an meine Wange. Meine tränengefüllten Augen sahen ihn an und mein Kopf brummte. Hat er mich wirklich geschlagen? Ich wusste nicht, was ich erwartete, aber das, was in seinem Gesichtsausdruck zu sehen war, war es sicherlich nicht. Er starrte mich an, seine Hand noch immer gehoben, seine Augenbrauen zusammengezogen. Ich wusste nicht, ob es aus Angst einer Wiederholung war, oder weil ich nicht wusste, wohin das Starren noch führen sollte, aber ich kehrte ihm den Rücken zu und rannte hoch in den letzten Stock in unser Schlafzimmer. Ich schloss die Tür hinter mir ab und sah mich im Spiegel an, die Hand noch immer auf meiner Wange, aus Angst, ich könnte jetzt sehen, dass es wirklich Realität war, was gerade passiert war. Der runde Spiegel, der an meinem Schminktisch befestigt war, zeichnete mein Gesicht ab und einen großen Fleck auf meiner Wange, als ich die Hand abnahm. Ich schnappte erschrocken nach Luft und schlug mir die Hand vor den Mund. Wer hätte gedacht, dass ich mich weinend mit einem Fleck auf der Wange in dem Spiegel, den mir Samuel zum Geburtstag geschenkt hatte, anschaute. Und das alles nur, weil ich dem neuen Nachbarn ein paar Kekse als kleines Willkommensgeschenk gebracht habe? Wie ist das passiert? Wann ist Samuel so eifersüchtig geworden? So besitzergreifend? So… gewalttätig? „Sarah! Sarah, mach die Tür auf!“ Er rüttelte an der Türklinke und versuchte, sein Gewicht gegen die Tür zu drücken. Ich drehte mich von meinem erschütterten Spiegelbild weg und sah zur Tür, rührte mich aber nicht. „Sarah, bitte. Ich will nur reden. Es, es tut mir so leid. Ich wollte nicht, dass es so weit kommt.“ Noch immer rührte ich mich nicht vom Fleck. Ein weiteres Rütteln. Aber kein aggressives. Eher ein verzweifeltes. „Bitte, du kannst dich nicht ewig da drin verstecken, lass uns reden. Du kennst mich schon dein ganzes Leben lang, du weißt, dass ich sowas niemals machen würde. Es war ein Ausrutscher. Bitte.“ Langsam ging ich auf die Tür zu und drehte den Schlüssel um, rannte, bevor Samuel die Tür aufmachte, jedoch wieder schnell auf die andere Seite des Raumes, sodass unser Ehebett zwischen uns stand. Er kam vorsichtig rein und sah mir ins Gesicht. „Oh Gott, es tut mir so leid. Sarah, ich wollte wirklich nicht…“ „Komm nicht näher!“, wehrte ich ihn ab, als er um das Bett herumkam und seinen Arm nach mir streckte. Er sah mich an und seine Augen füllten sich mit Tränen. Er setzte sich aufs Bett und ließ den Kopf in seine Hände fallen und schüttelte ihn immer wieder. Zwei Minuten lang sagte niemand von uns etwas. „Ich mag ihn einfach nicht. Ich vertraue Menschen nicht, die ich nicht gut genug kenne, das weißt du doch. Wir sind doch verheiratet, wieso redest du davor nicht mit mir?“, brach er das Schweigen. „Du meinst also, ich hätte dich davor fragen sollen? Ich habe ihm nur ein paar Kekse gebracht, ich bin ja noch nicht einmal in seine Wohnung gegangen.“ Ich gestikulierte stark und meine Stimme wurde immer lauter. „Ich weiß, ich weiß.“ Samuel atmete tief ein und aus und schluckte mehrmals den Kloß in seinem Hals runter. Vergeblich. „Ich weiß, dass ich ein Vertrauensproblem habe, okay, ich weiß das. Aber das weißt du doch auch. Alle sind irgendwann gegangen. Keiner ist geblieben. Das weißt du doch. Ich verstehe nicht, wieso du so etwas tust.“ „Aber ich habe doch nichts getan, wovon redest du?“ Ich sah ihn verzweifelt an, ich versuchte ihn zu verstehen. „Es fängt mit Keksen an, dann mit ein paar netten Unterhaltungen, dann geht es weiter mit einer Einladung zu einer Tasse Kaffee bei ihm zu Hause und weiter möchte ich gar nicht denken. Sarah, ich möchte doch auch nicht so sein, ich versuche doch, mich für dich zu ändern. Ich bitte dich, verzeih mir.“ Samuel stand vom Bett auf und griff nach meinen Händen, ganz sanft. Ich sah auf und sah ihm in seine großen blauen Augen. Er sah verletzt und zerrissen aus. Ich kenne Samuel schon mein ganzes Leben lang. Ich weiß, dass er mir niemals wehtun würde. Niemals mehr wieder. Ich strich ihm eine Träne von der Wange und er umarmte mich innig. In dieser Umarmung spürte ich so viel. So viele Gefühle. Aber kein Gefühl so stark wie Angst.

Heute: „Und kam das öfter vor? Dass Sie Opfer von Gewalt waren?“ Ich sah der braunhaarigen Dame ins Gesicht und musterte ihre sorgfältig umrahmten Lippen. Ihre Haare hatte sie zu einer lockeren Flechte geflochten und ein paar Strähnen hingen ihr ins Gesicht. „Meinen Sie in dieser Ehe?“, antwortete ich. „Nein, in vorherigen Beziehungen.“ Ich dachte nach und kam zu dem Entschluss, dass das Nachdenken überflüssig war. „Samuel war mein erster Freund. Vor ihm gab es niemanden.“ Die Therapeutin machte sich immer wieder Notizen und blickte wieder auf. „Wie fühlten Sie sich, als Sie gegangen sind? Hatten Sie Schuldgefühle?“ In meinem Kopf braute sich eine Reihe Lügengeschichten auf und ich wollte gerade anfangen zu erklären, dass es natürlich nicht so sei. Doch dann fiel mir ein, dass ich bei einer Therapiesitzung war und das keinen Sinn hatte. „Ja, ja, die hatte ich. Und zwar schreckliche. Und, um ehrlich zu sein, sind sie noch nicht weg. Ich gebe mir so oft selbst die Schuld an allem. Manchmal weiß ich nicht, ob es wirklich richtig war, wegzulaufen.“ Ich sah beschämt auf den Boden. Ich bin eine Frau, die sich lange Zeit hat schlagen lassen und als ich gegangen bin, war ich nicht erleichtert oder erlöst, sondern fühlte mich schuldig. Wie kann das sein? „Das ist völlig normal, deswegen sind Sie hier. Sie waren jahrelang in einer toxischen Beziehung und Sie sind leider kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil, Sie sind eine von Hunderten. Es braucht Zeit, vertrauen Sie mir.“

Früher: Ich fasste an die Halskette und spielte an ihr herum. Draußen war schönes Wetter, aber ich wollte nicht raus. Ich wollte Samuel nicht sauer machen und etwas unternehmen, während er hart für uns beide arbeiten musste. Ich war Lehrerin an einer Grundschule und liebte das Unterrichten. Aber nach der Hochzeit meinte Samuel, dass es nicht mehr nötig sei, dass ich arbeite und ich mich doch lieber um das große Haus kümmern solle, das wir uns gekauft hatten. Ich mochte es seit dem ersten Tag. Deshalb war ich einverstanden. Erst nach einiger Zeit merkte ich, wie sehr mir das Unterrichten fehlte. Wie sehr mir mein strukturierter Alltag fehlte. Wie sehr mir das Gefühl fehlte, gebraucht zu werden. Aber ich tat es für uns. Es war in Ordnung. Das Herz glitt zwischen meinen Fingern hin und her und ich ließ es weiter an meinem Hals baumeln. Ich wollte nicht, dass die Kette riss. Sie war von Samuel. Ich habe sie einen Tag nach unserem schrecklichen Streit bekommen. Er entschuldigte sich noch einmal aufrichtig und hing sie mir um den Hals. Ich verzieh ihm nicht wegen der Kette, sondern weil ich in seinen Augen sehen konnte, wie leid es ihm tat. Er hatte als Kind nie die Liebe bekommen, die er verdiente. Ich wollte ihn glücklich machen, so wie er mich. Das war ein einmaliger Ausrutscher. Das wird nie wieder passieren. Als ich den Müll rausbrachte, kam Luca, der neue Nachbar, auf mich zu. Schnell blickte ich zurück auf die Mülltonne und hoffte, er hatte mich nicht gesehen. „Hey Sarah! Warte kurz“, rief er fröhlich und kam die Straße lässig rüber gejoggt. Widerwillig drehte ich mich zu ihm um und zwang mich zu einem Lächeln. Mein Körper verkrampfte sich und ich versuchte, den Gedanken zu verdrängen, dass ich wegen Samuel Angst hatte, mich mit dem Nachbarn zu unterhalten. Er ist ja noch nicht einmal zu Hause. „Hier ist noch die Box von den Keksen. Ich wollte sie dir schon viel früher geben, aber ich hatte dich gar nicht mehr draußen gesehen.“ Er übergab mir die Tupperware und ich entdeckte eine kleine Schokoladenkugel in der Box. Ich sah zu ihm auf und er lächelte mich freundlich an. „Ein kleines Dankeschön. Ich würde mich freuen, auch bald deinen Mann kennenzulernen. Wir haben uns ein paar Mal gewinkt, aber er war immer ziemlich schnell weg. Richte ihm doch liebe Grüße von mir aus“, sagte Luca. „Werde ich. Danke schön.“ Ich verzog meine Lippen zu einem kurzen Lächeln und kehrte ihm dann den Rücken zu. Es war nicht richtig, mich mit ihm zu unterhalten. Wer wusste, welche Absichten er hatte. …

Fortsetzung folgt

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